Schaut auch mal zur Mutter

Nachdem ich gestern Abend zum gefühlt millionsten Mal „Ich ghöre es Glöggli“ gesungen und die vergangenen Tage bestimmt hundert Mal verkackte Unterhosen meiner Kiddies gereinigt habe, frage ich mich: „Was tue ich eigentlich hier?“ Das sind manchmal so „wache“ Momente, während ich daran bin, wieder und wieder dasselbe zu tun. Beispielsweise Brösmeli unter dem Tisch wegputzen. Den stinkenden Windelabfall entsorgen. Die Kinder ermahnen, nicht das gesamte Haus zu demolieren (die mich kurz ansehen, als wäre ich gar nicht wirklich da – und dann weitermachen). Oder mit irgendeinem Putzmittel und Lappen oder Staubsauger herumrennen. Und in eben genau solchen „wachen Momenten“ frage ich mich dann: „Was ist bloss aus mir geworden?“

Ja! Was tue ich eigentlich hier, während mein Mann auf seinem Bürosessel sitzen und sich um seinen eigenen Scheiss (😉) kümmern darf? Also nichts gegen den Vater meiner Kinder. Und auch nichts gegen unser wunderbares Verdauungssystem. Aber es gibt echt Momente, in denen ich hinterfrage, in was für einem System wir eigentlich leben. Auf jeden Fall in einem, in dem ich von morgens früh bis abends spät arbeite, immer auf Pikett bin und nicht bezahlt werde. Für STUNDEN, in denen ich tröste, Liebe schenke, erkläre (und wieder erkläre und wieder und wieder …) und mahne (und wieder und wieder und wieder) und koche und putze und aufräume (und wieder und wieder und wieder) und Launen aushalte (ihr wisst schon …) und dann wieder von vorne beginne. Und zu guter Letzt einen winzig kleinen – aber wichtigen – Teil dazu beitrage, dass die Welt weiterlebt.

Also – klar, der Mann überweist mir was, Ende Monat, von „seinem“ verdienten Geld. Was ja wirklich nett ist. Und ja – völlig klar, ich könnte während den paar wenigen Stunden, die die Kinder regelmässig beim Nani oder in der Waldspielgruppe sind, auch noch rasch zu einem Arbeitgeber rennen und dort auch noch rasch was tun. Oder sie in die Kita bringen, wo ich mein verdientes Geld gleich abliefern kann. Aber nein. NEIN! Hab ich alles schon getan. Die Kita war super. Die Arbeitsstelle auch. Aber es ändert nichts an meinem 24-Stunden-Job, in dem ich unter dem Strich kein Geld verdiene. So ist es!

Ich bin heute einer Frau begegnet. Sie war gemeinsam mit zwei kleinen Kindern unterwegs. Etwa 1 und 2,5-jährig. Das 2,5-Jährige an der Hand der Mutter. Das 1-Jährige wollte nicht mehr mit dem Baby-Velo gestossen, sondern getragen werden. Was es natürlich mit Weinen und Rebellieren kundtat. So, nun mal Rechnung nach Adam Riese: Da sind zwei Hände. Getragen werden sollen aber ein schreiend und um sich schlagendes Kleinkind, ein Kindervelo und das grössere Kind (bis anhin noch ruhig) such weiterhin nach der Hand der Mutter. Geht doch irgendwie nicht auf, oder? Das war das Bild, das sich mir bot. Hätte ich keine Kinder, hätte ich das kleine, schreiende Kind angesehen und gedacht: „Oh jemine, du armes Kind, was hast du denn bloss?“ Hätte ich Kinder im Kleinkindalter (wie ich es ja tatsächlich habe, nur jeweils fast 3 Jahre älter), hätte ich gedacht: „Zum Glück sind meine Kinder grad nicht am Rumnörgeln oder nicht da.“ Oder immerhin etwas älter und ich mit anderen Themen beschäftigt. 😉 Oder ich hätte – wie es auch tatsächlich war – Tränen in den Augen und mich an solche Zeiten zurückerinnert. Ich habe die Mutter „gesehen“. Ihr Dilemma. Ihre Müdigkeit. Wie sie versuchte hat, ihre Geduld und Kräfte zu mobilisieren. Wie sie funktionierte.

Wer von aussen Bilder von Müttern mit Kindern sieht, hat keine Ahnung. All die hübschen Bilder der Mutter, die mit ihren hübschen Kindern spazieren geht. Niemand hat eine Ahnung, wie viele Stunden diese Frau die vergangenen Monate geschlafen hat. Wie oft sie geweint hat, weil sie nicht mehr kann. Wie viel Kraft es sie kostete, überhaupt grad hier am Spazieren zu sein. Es sind MOMENTAUFNAHMEN. Wie oft höre ich „wie süss“ und „wie toll“ und „wie herzig“ unsere Kinder sind. Und KLAR! Das schmeichelt mir. Denn ich finde sie ja auch toll und herzig und süss. Und ich liebe sie unendlich. Und es macht mich stolz zu erkennen, dass ich meine Arbeit gut mache. Auch wenn ich schon x-mal daran gezweifelt habe.

Mir ist bewusst, es gibt Frauen, die sind dazu geboren, Mutter zu werden. Ich gehöre nicht dazu. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch, der gerne seine eigenen Träume angeht. Der gerne ausbricht. Mal dies tut. Mal das. Je nach Gefühl, das grad da ist. Ich bin somit eine Mutter, die nicht immer damit zufrieden ist, diese erstmal für ein paar Jahre – oder bis auf Weiteres – auf die Seite zu schieben. Und ja: Ich gehöre tatsächlich zu den Frauen, die nicht damit gerechnet haben, was das Mutterdasein zu bedeuten hat. Wie viel Dienstleistungsarbeit das beinhaltet. Wie viel Schlafentzug und trotzdem weiterzumachen. Wie viel Organisationsgeschick. Sie hat das Talent gleichzeitig X-verschiedene Bedürfnisse gleichzeitig zu befriedigen, ohne gleich schlapp zu machen. Spontan die richtigen Fäden zu ziehen und Entscheidungen zu fällen. Auf alles gewappnet zu sein. Mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen zu reagieren. Kinder gross zu ziehen, ist eine Meisterleistung. Was mich daran erinnert, dass mir eine frühere Arbeitgeberin mal gesagt hat, dass sie gerne Mütter einstellt. Na: Wieso denn wohl?

Natürlich hat alles intensiv Fordernde auch seine Lichtseiten. Halleluja! Ich liebe es heute, wenn es einige Nächte am Stück gibt, in denen ich durchschlafen kann. Ich feiere Abende, an denen mein „Feierabend“ ohne Probleme um 19:30 oder immerhin 20:00 Uhr beginnt. Und wenn ich mich einen Abend oder gar einen Tag oder sogar zwei ganz um mich selbst kümmern darf, fühlt sich das so an wie „früher“ einen Monat Urlaub. Eine Mutter lernt, das vorher „Selbstverständliche“ zu lieben, zu schätzen, es zu zelebrieren. Und natürlich ist es grandios zu sehen, wie sich meine Kinder entwickeln. Sie gehen voller Vertrauen und selbstsicher ihren Weg und wissen sich zu zeigen. Es sind Kinder, die sich im Spiegel betrachten und zu sich sagen, dass sie wunderbar sind. Ihre Selbstliebe und ihr Vertrauen zu erkennen, erwärmt mein Herz zutiefst. Und das lässt viele Momente des Verzweifelns vergessen.

Aber trotz Liebe und Sinn und Herzwärme: Schaut bei der nächsten Begegnung mal zur Mutter. Nicht zu den Kindern. Schaut sie mal an – die Mutter – und feiert sie für ihre Arbeit. Denkt daran, dass sie vielleicht die ganze Nacht wach war, ihre Kinder getröstet hat und so viele Stunden auf ihre Erholung verzichtet. Und sie tut das vielleicht Tag und Nacht. Monate- oder Jahrelang. Ohne Entlöhnung. Mit viel zu wenig Wertschätzung. Und sie freut sich darüber, wenn ihr nicht nur ihre Kinder seht. Sondern auch sie.

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